Buchtipp: Antonio Fian – Das Polykrates-Syndrom

Es geschieht einem ja ab und zu, dass einem unverhofft ein kleines Goldstück in die Hände fällt. So ähnlich fühlte es sich jedenfalls für mich an, als ich „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian durch hatte. Ein Buch, das ich hiermit Liebhabern von gut geschriebenen Krimis, Connaisseuren des schwarzen Humors sowie Satire-Fans sehr ans Herz legen möchte. 

"Das Polykrates-Syndrom" von Antonio Fian, erschienen im Droschl Verlag 2014. ISBN: 9783854209508

„Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian, 2014 erschienen im Literaturverlag Droschl. ISBN: 9783854209508

Worum geht’s?
Boy meets Girl – und plötzlich geht alles den Bach runter. Artur lebt in Wien, ist mehr oder weniger glücklich mit Rita verheiratet und führt ein Leben in einlullender Eintönigkeit als akademisch ausgebildeter Copyshop-Mitarbeiter und Nachhilfelehrer für verwöhnte Burschen aus dem 19. Bezirk. Vom Leben selbst erwartet er nicht mehr allzu viele Überraschungen, bis eines Tages eine mysteriöse Fremde – in Gestalt von Alice – den Copyshop betritt und eine Botschaft für ihn hinterlässt. Von der Neugier angetrieben, was diese Begegnung bedeuten könnte, beschließt Artur, ihr zu folgen. Durch diese Entscheidung läuft Arturs bisher geregeltes Leben vollends aus dem Ruder: Wahnwitzige Lügengeschichten, blutrünstige Morde und hinterfotzige Intrigen begleiten den Protagonisten fortan und führen den Leser schließlich zu der bitteren Erkenntnis, dass wie in Schillers Parabel, auf großes Glück nur allzu häufig großes Unglück folgt.

Kostprobe gefällig?
Sie lachte und streckte mir die Hand hin. »Ich heiße Alice.« Sie sprach es französisch, Aließ.
»Artur«, sagte ich.
Dann Händeschütteln.
Dann nichts.
Der Kellner rettete uns. Ich hatte Lust auf einen doppelten Tequila und ein Bier, aber ich befürchtete, dass sie mich dann für einen Alkoholiker halten würde, also bestellte ich Kaffee. Sie hatte ihren schon ausgetrunken und wollte jetzt ein Viertel Weiß. Meine Befürchtungen schienen überflüssig gewesen zu sein.
»Was sollte das mit dem Hemd?« nahm ich das Gespräch wieder auf.
»Es war hübscher als das, das Sie heute tragen«, sagte sie. »Nicht ganz so langweilig. Sind Sie verheiratet?«
Ich legte die Hände mit gespreizten Fingern auf den Tisch. Es beeindruckte sie wenig.
»Die meisten Männer nehmen den Ehering runter, wenn sie sich mit anderen Frauen treffen. Es ist sicherer, sich an der Kleidung zu orientieren. Nach Ihren Hemden zu urteilen, sind Sie verheiratet.«
»Ich habe auch buntere. Aber ich hatte keine Zeit, mich nach der Arbeit umzuziehen.«
»Sie sind trotzdem verheiratet, wetten?«
Ich nickte. »Seit acht Jahren. Keine Scheidung in Sicht. Ist das ein Problem?«
»Ich bin nur neugierig. Warum sind Sie mir nachgegangen?«
Unangenehme Frage. Schließlich wusste ich das selbst nicht. »Weil ich ein Idiot bin«, sagte ich.
Das war die falsche Antwort. Zwar bemühte sie sich zu lächeln, aber die Enttäuschung war ihr anzusehen. Mir war klar, dass ich ihr ein Kompliment machen musste, aber mir fiel nur ein, was der Wahrheit am nächsten kam: »Ich habe mir vorgestellt, Sie anzusprechen, auf einen Tequila einzuladen und dann mit Ihnen zu schlafen. Idiotisch genug?«

Worum geht’s wirklich?
Be careful what you wish for. Das Leben und der Alltag an sich können manchmal verdammt öde und trist sein. Doch wer wie Artur meint, der Langeweile entfliehen zu müssen, indem er sich auf ein scheinbar unbedeutendes (aber aufregendes!) Abenteuer einlässt, findet sich selbst schnell in einem Strudel von Ereignissen wider, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt.

Wer hat’s geschrieben?
Antonio Fian wurde 1956 in Klagenfurt geboren und lebt seit 1976 in Wien. Der für seine Dramolette und Essays mehrfach ausgezeichnete Autor (unter anderem mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik) schreibt Romane, Theater- und Hörstücke und ist auch als Kommentator für den Standard tätig. „Das Polykrates-Syndrom“ für das Fian unlängst für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 nominiert wurde. zeichnet sich durch spitze Formulierungen, schwarzen Humor und auch einen kräftigen Schuss Erotik aus.

Fazit?
Ein wunderbar kurzweiliger und spannender Krimi mit einer großen Portion Wiener Lokalkolorit, in dem sich menschliche und genuin österreichische Abgründe auftun und von Fians spitzer Feder in bester satirischer Manier durch den Kakao gezogen werden.

Wo gibt’s das Buch?
Antonio Fian: Das Polykrates-Syndrom
Roman, 2014. Erschienen im Literaturverlag Droschl.
ISBN: 9783854209508
Preis: 19€
Als Hardcover oder e-Book zu bestellen

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